Montag, 10. Juni 2024

„22 Bahnen“ von Caroline Wahl

Inhalt:

Tilda geht jeden Abend nach der Uni (und ihrem morgendlichen Job als Kassiererin) ins Freibad um 22 Bahnen zu schwimmen. Für sie bedeutet das die kleine Flucht aus ihrem schwierigen Alltag, in dem Sie sich um ihre kleine Schwester kümmert, weil die Mutter eine Alkoholikerin ist. Leider denkt sie auch immer noch über die Vergangenheit nach, bis sie Viktor entdeckt, der jetzt auch täglich im Schwimmbad seine Bahnen zieht.

 

Meinung:

Der Roman ist äußerst kurzweilig und vom Stil her sehr gut lesbar.

Die Ich-Erzählerin ist erfrischend ehrlich und macht sich nichts vor. Ihr innerer Kampf wird deutlich, als sie sich entscheiden muss sich eventuell bald für eine Stelle in Berlin zu bewerben. Wie sie versucht ihre Schwester mit Hilfe von Filmen über starke Frauen auf ihre Zukunft allein mit ihrer Mutter vorzubereiten, ist süß und wirkt auch nicht zu konstruiert.

In dem Buch geht es um schwierige Themen wie Alkoholsucht, Drogenmissbrauch und dem Verlust eines Freundes. Dies wird gut „verpackt“ und nicht rein für Effekte zur Schau gestellt. Man erfährt die Einzelheiten nur nach und nach, sie dass man das Gefühl bekommt, alles innerlich selbst zu verarbeiten.

Natürlich ist es kein Roman voller Sonnenschein. Insgesamt wirkt die ganze Szenerie eher bedrückend auf mich, was natürlich zu den Themen passt.

Der Hochsommer kommt auf jeden Fall nicht wirklich durch. Deswegen habe ich mir Tilda am Anfang tatsächlich eher im Hallenbad vorgestellt, das Freibad hat mich eher irritiert.

Achtung Spoiler:

Man wartet auf das schreckliche Ende, das dann irgendwie doch nicht eintritt. So schwingt zuletzt doch hauptsächlich Hoffnung mit, was meiner Meinung nach nicht zur düsteren Stimmung des Buches passt.

Ich bin hin und her gerissen, wenn es um eine abschließende Bewertung des Romans geht. Ich finde es ist eine wirklich gut geschriebene, intensive Geschichte. Aber den aktuellen Hype um das Buch kann ich letztendlich doch nicht ganz nachvollziehen.

Es ist auf jeden Fall lesenswert.

Zitat:

Ida beginnt, leise zu weinen, und ich bin geschockt, denn eigentlich meint Ida nicht. Sie hat irgendwann die Entscheidung getroffen, nicht mehr zu weinen. Aber nun scheint sie die Entscheidung widerrufen zu haben und lässt mit diesem Widerruf alle angestauten Tränen der letzten Jahre aus sich herausfließen.

(Seite 80)

 

ISBN 978-3-8321-6803-2

DUMONT, 2023

210 Seiten

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