Sonntag, 5. Januar 2025

„Windstärke 17“ von Caroline Wahl

Inhalt:

Die Geschichte von Tilda und Ida geht weiter. Dieses Mal aus Idas Sicht, die ein paar Jahre älter ist als im ersten Buch (22 Bahnen). Ida hatte die letzten Jahre allein mit Mama gelebt, bis diese sich umgebracht hat. Jetzt verschlägt es sie nach Rügen.

 

Meinung:

Das Buch lebt von Idas Gedanken, die sich um ihre Mama oder um sich selbst drehen. Manchmal auch um die Beziehung zu ihrer Schwester Tilda.

Innerer Dialog wird von der Autorin gut umgesetzt und wirkt auf mich äußerst authentisch.

Die psychischen Probleme, die Ida hat, lassen sich gut nachvollziehen und wirken nicht gestellt.

Leider muss ich mich gegen Ende aber doch fragen. Was wäre passiert, wenn Ida nicht so viel Glück auf Rügen gehabt hätte? Natürlich handelt es sich hierbei um eine fiktive Erzählung. Zu viele Schwierigkeiten hätten die Intention wahrscheinlich abgelenkt und unnötige Dramatik hervor beschworen. So kann ich die Entscheidung gut nachvollziehen, dass Ida plötzlich so viel Glück im Leben hat. Jetzt kann sie sich voll auf sich selbst konzentrieren, was wir uns glaube ich alle etwas wünschen. Dieses sorgenfreie Leben können wir dem Hauptcharakter gönnen und wünschen uns für sie ein happy end.

Entgegen anderer im Internet kursieren der Meinungen, finde ich das Buch tatsächlich besser als den ersten Band. Das erste Buch war ebenso geprägt von Melancholie und leichter Depression, aber in diesem Buch versteht es, die Autorin realistische Reaktionen zu erzeugen. Als Leser habe ich das Gefühl, dass Ida das schon irgendwie in den Griff bekommt. Das ging mir bei „22 Bahnen“ nicht so.

Fazit: ein nettes, kleines Buch für zwischendurch. Nicht schlechter, aber auch nicht besser. Hat mir gefallen.


Zitat

Erschöpft lasse ich mich in den Sand fallen, decke mich mit meinem Pullover zu und schaue in den grauen Himmel. Meine Arme und Beine kribbeln, kleine Regentropfen laufen über mein Gesicht. Oder ist es der Nebel, der zu Boden fällt?

Die Ostsee ist immer noch still und glatt, weiße Schlieren steigen aus ihr heraus wie Geister. Totenstille, keine einzige Möwe, die kreischt.

(S. 90, Teil 3)

 

ISBN 978-3-8321-6841-4

DuMont, 2024

254 Seiten
 

Freitag, 27. Dezember 2024

„Die Vegetarierin“ von Han Kang

Inhalt:

Yong-Hye hat schreckliche Träume, die sie dazu bringen kein Fleisch mehr essen zu wollen. Sie stößt auf komplettes Unverständnis innerhalb ihrer Familie und verabschiedet sich geistig immer mehr von ihrer Umwelt.

 

Meinung:

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, im ersten Abschnitt aus der Sicht des Ehemanns der Vegetarierin, unterbrochen mit kurzen Traumsequenzen/Gedankenfetzen von ihr. Der zweite Abschnitt ist aus der Sicht ihres Ehemanns der Schwester und der dritte Abschnitt aus der Sicht ihrer Schwester.

Alle drei Erzählungen stehen indirekten Zusammenhang zueinander. Die Gabe der Autorin besteht darin, die dünnen Fäden am Ende so zu verwickeln, dass man das Gefühl bekommt, was passiert ist, war unausweichlich. Am Ende dachte ich zu verstehen, dass alle drei Charaktere eine Flucht aus ihrem Leben suchen und es der Schwester am Ende auch klar wird, nur, dass sie den Vorteil hat, die Geschichte besser überblicken zu können, weil sie die anderen beiden erst beobachten konnte. Dennoch verfällt sie am Ende in ein ähnlich schwachen Geisteszustand. Sie fühlt sich machtlos, genau wie ihre Schwester und ihr Ehemann.

Das Buch ist sehr poetisch, lässt vieles unausgesprochen und regt zum nachdenken über die eigene Situation und die eigene Alltagsbewältigung an. Man fragt sich unweigerlich, ob man selbst glücklich ist und ein erfülltes Leben hat. Insgesamt wirkt es sehr melancholisch und macht einen am Ende eher traurig. Dieses Werk schafft es wenig Hoffnung in sich zu tragen. Ich stelle mir die Frage, wie realistisch diese Ansicht ist, die im Buch vermittelt wird. Es wirkt alles sehr ausweglos.

Insgesamt fand ich den Roman sehr interessant, kann mir aber vorstellen, dass er viele Leute eher herunter zieht.

Vielleicht helfen die Geschichten daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben. Denn so wie es den drei Hauptcharakter Uhren in diesem Buch geht, möchte man wohl nicht enden.


Zitat:

Ich möchte einmal, ein einziges Mal einen großen Schrei ausstoßen können. Ich möchte in die Dunkelheit hinauslaufen, die sich jenseits der Fensterscheibe befindet. Würde das den Knoten auflösen können? Wäre das möglich?

Keiner kann mir helfen.

Keiner kann mich retten.

Keiner kann mir das freie Atmen wiedergeben.

(Seite 53, Abschnitt 1)

 

ISBN 978-3-351-03653-9

Aufbau-Verlag, 2007 (2. Auflage von 2016)

190 Seiten

Sonntag, 22. Dezember 2024

„Weiße Nächte“ von Fjodor M. Dostojewski

mit Illustrationen von Stella Dreis 

und einem Nachwort von Christiane Körner

Inhalt:

Ein namenloser Träumer begegnet eines Macht’s einer weinenden jungen Frau, in die er sich schnell verliebt. Sie wartet jedoch auf die Rückkehr ihrer verflossenen Liebe. Kann der Träumer ihr ein guter Freund sein?

 

Meinung:

Diese Novelle ist eine sehr emotionale Liebesgeschichte, fast schon ein Drama und das erste Werk von Dostojewski, dass ich mir vorgenommen hab.

Die Empfindsamkeit des Träumers hat mich tatsächlich sehr überrascht. Es gab Stellen wo man seine Fantasien regelrecht anfassen konnte. Schöne Beschreibungen, ohne langweilig zu werden.

Obwohl das Werk vor 178 Jahren verfasst wurde, passt das Liebesdrama auch gut auf unsere heutige, kurzlebige Zeit. Der arme Träumer durchlebt in wenigen Tagen alles Hochs und Tiefs der Liebe.

War am Ende alles nur Fantasie?

Diese Frage kommt auf, als zum Schluss klar wird, dass die Erzählung aus einer Sicht 15 Jahre später geschildert wird.

Die Dialoge der Novelle sind unterhaltsam, fast schon beschwingt. Man kann sich gut vorstellen, wer spricht und merkt den unterschiedlichen Charakter der Person. Genau wie heute wird kokettiert und nicht immer danach gehandelt, was man gesagt hat. Noch ein Punkt, warum sich diese Erzählung auch heutzutage gut lesen lässt.

Ich bin gespannt auf weitere Werke Dostojewskis.

Ich mochte Vorurteils frei an Dostojewskis Werk herangehen und distanziere mich von jeglichen rassistischen oder nationalistischen Ansichten, die er wohl vertreten hat.

Nachdem er vier Jahre Zwangsarbeit in Sibirien hinter sich gebracht hat, kam er verändert nach Sankt Petersburg zurück.

Ich möchte mich lediglich auf selben literarisches Werk beziehen.

 

Zitat

Ein Träumer – wenn wir denn eine genaue Definition brauchen – ist kein Mensch, sondern, sagen wir, eine Art Neutrum. Er siedelt meistens irgendwo in einem unzugänglichen Winkel, als scheute er sogar das Tageslicht, und wenn er sich zu Hause verkriecht, wächst er mit seinem Winkel wie eine Schnecke, oder er gleicht in dieser Hinsicht zumindest sehr dem drolligen Tier, dass gleichzeitig ein Tier und sein Haus ist, der Schildkröte.

(Seite 34, Die zweite Nacht)

 

ISBN 978-3-458-19537-5

Insel Verlag, 2024 (c.1848)

122 Seiten

Donnerstag, 19. Dezember 2024

„Feels like Christmas“ von div. Autoren

5 Erzählungen v. G. Santos de Lima, M. Neumaier, K. Groh, A. Flint, C. Wahl

Meinung:

Alle fünf Geschichten kamen mir leider nicht besonders stark vor. Ich werde im Folgenden ein kurzes Fazit für jede einzelne Geschichte für mich abgeben:

Erste Geschichte:

Diese Geschichte hätte ich als einzige gern weiter gelesen. Hier kam Weihnachtsstimmung auf. Die Erzählung. War angenehm süß hat mir Spaß gemacht.

Außerdem erwähnenswert, dass ich hier durch Phoebe Bridgers kennen gelernt hab, von der ich vorher noch nichts gehört hab.

Zweite Geschichte:

Dass die Handlung in Venedig spielt, hätte die Autorin schon etwas eher bemerken können. Ich war doch sehr erstaunt, als ich nach einigen Seiten erfahren hab, dass es in der berühmten Lagunenstadt spielte.

Wenigstens kommt auch bei dieser Geschichte etwas Weihnachtsstimmung auf. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass es nicht zu jedem Zeitpunkt nur Friede, Freude Eierkuchen geben würde. Gerade bei so einem vollen Haus können. Konflikte entstehen etwas unrealistisch.

Dritte Geschichte:

Mich stört zunächst einmal, dass es sich hierbei um keine eigenständige Kurzgeschichte oder Erzählung handelt, sondern wie ich vermute, einen Teil eines Romans ist. Zumindest bekommt man einen kurzen Abriss über die Vorgeschichte der Hauptpersonen. Dabei vergeht mir eigentlich die Lust.

Dennoch finde ich es hier gut, dass es auch mal interessante Themen gibt wie zum Beispiel Essstörungen. Insgesamt war die Geschichte auch ganz süß.

Vierte Geschichte:

Die Handlung spielt kurz nach Weihnachten bis Neujahr. Weihnachtsstimmung kommt hier wenig auf.

Bei der ganzen Geschichte geht es nur am Hochzeitsplanung, was ich insgesamt äußerst langweilig fand.

Die book Boyfriends waren nicht nur perfekt, sondern auch all glatt, das einfach total unrealistisch wirkt.

Fünfte Geschichte:

Hier gibt es nun wirklich kaum noch Bezug zu Weihnachten. Es geht um eine Gruppe Freunde, die bald die ihre Wohngemeinschaft verlassen wollen, weil sie mit ihren Partnern zusammenziehen möchten. Die Handlung ist voraussehbare und irgendwie nichts sagen eine echte Enttäuschung, nachdem es sich hierbei um die einzige Autorin gehandelt hat. Von dir schon mal was gehört habe.


Insgesamt fand ich dieses Buch eher enttäuschend. Schade.

 

ISBN 978-3-7432-1674-7

Loewe, 2023

290 Seiten

Freitag, 13. Dezember 2024

„Love is Wild - Uns gehört die Welt“ von Kathinka Engel

Love is, Bd. 3

Inhalt:

Amory und Curtis hatten einige Monate Sex miteinander, waren aber nie zusammen. Amory sehnt sich nach einer festen Bindung, Curtis ist aber unberechenbar und noch nicht reif für eine Beziehung.

 

Meinung:

Wir kennen die beiden Hauptfiguren bereits aus den ersten beiden Bänden. lernen und ihre Verhaltensweisen hier bis ins tiefste verstehen. Curtis traurige Geschichte kommt zu Tage. Amorys Charakter geht bei seiner Entwicklung etwas unter. Das ist der einzige Kritikpunkt, den ich an der Charakterentwicklung hätte.

Insgesamt finde ich bei allen drei Bänden, die Charaktere gut dargestellt und relativ ausgefeilt. Das, was bei manchen Büchern zu wünschen übrig lässt, hat die Autorin prima umgesetzt: Charakterentwicklung - ohne Realitätsverlust erleben die Figuren einen steten Wandel. Aber alles bleibt bodenständig, was die Romane insgesamt äußerst liebenswert macht .

Die Sex-Szenen sind nicht übertrieben und stehen auch nicht im absoluten Mittelpunkt, was ich gut finde.

Was ich etwas schade finde, ist dass die Geschichte der Band „After Hours“ total in den Hintergrund tritt. Dabei war das ein roter Faden, oder sogar tragendes Element der Trilogie. Hier gibt es kaum noch Entwicklung, die nicht vorhersehbar wäre.

Die Bücher haben mir sehr gut gefallen. Es handelt sich hierbei meiner Meinung nach um drei schöne Liebesgeschichten, die bodenständig aber romantisch sind. Zum Glück entstehen keine Krisen, die nicht zu bewältigen sind. So kann man die Trilogie gut als unterhaltsame, leichte Lektüre für zwischendurch bezeichnen, die einem das Herz etwas aufgehen lässt.

Von meiner Seite eine klare Empfehlung - ich muss unbedingt noch mehr Bücher von Kathinka Engel lesen…


Zitat:

„Versteh mich nicht falsch“, sagt Franzi, „aber ich hätte nicht erwartet, dass du Beziehungsmaterial suchst. Du bist so … unabhängig und stark.“

„Ich weiß“, antwortete ich. „Aber das ist kein Widerspruch. Ich kann unabhängig und Teil eines Paares sein. Stark und mich danach sehnen, mich an jemanden anzulehnen. Das ist eins der größten Gender-Missverständnisse unserer heutigen Zeit, wenn ihr mich fragt. [..] Die Leute glauben, man müsste als Frau selbstgenügsam sein, um eine gute Feministin zu sein. Aber das ist absoluter Bullshit. Ich muss mich selbst und andere Frauen mit Respekt behandeln. Alles andere schränkt und doch nur wieder ein, reduziert uns, macht uns klein. [..] Starke Frauen, meine Lieben, sind diejenigen, die sich selbst treu bleiben. Die sich Raum für die eigene Entwicklung geben die springen, wenn sie Bock drauf haben. Und nicht, weil gesellschaftliche Konventionen oder irgendwelche Erwartungen sie dazu drängen.“

(Seite 61/62, Kapitel 7)

 

ISBN 978-3-492-06226

Piper Verlag, 2020

418 Seiten