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Sonntag, 28. Juni 2026

„Die Mütter Mafia“ von Kerstin Gier


Inhalt:

Bei Constanze läuft alles schief. Ihr Mann will unerwartet die Scheidung und ihre 14-jährige Tochter hasst sie deswegen. Nur ihr kleiner Sohn hält zu ihr, ohne es zu merken.

Sie zieht in das ehemalige Elternhaus ihres bald Exmannes und findet sich in einem ganz neuen Krieg wieder: den Vorstadt-Mütter-Kämpfen. Die Damen der Mütter-Society stellen sich als ziemliche Kratzbürste heraus. Doch schon bald findet sie neue Freunde…


Meinung:

Am Anfang möchte man die Protagonistin am liebsten schütteln für ihre Naivität. Sie lässt sich einreden, wie schlecht sie ist und dass sie nichts auf die Reihe bekommt. Einer schafft es, ihr Mann sogar, sie bei der Scheidung über den Tisch zu ziehen. Sie lässt sich einfach alles gefallen.


Wie zu erwarten war, vollzieht der Charakter im Laufe des Romans eine Wendung, fast schon eine Emanzipation. Trotzdem bleibt sie in ihren Strukturen und kümmert sich nicht wirklich selbst um um die nötigen Veränderungen in ihrem Leben. Das wirkt auf mich auch gegen Ende des Buches. Immer noch etwas schwach.

Dazu kommt, dass trotz anfänglichen Geld sorgen, davon eigentlich nicht wirklich etwas zu spüren ist. Das wirkt auf mich etwas unrealistisch.


Das Buch ist kurzweilig und lässt sich gut lesen, was ich von der Autorin ja bereits gewohnt bin. Es war auf jeden Fall sehr unterhaltend.

Ich finde es gut, dass gegen Ende auch noch ernstere Themen aufkommen, obwohl diese etwas wenig behandelt werden und meines Erachtens nach vielleicht nicht einfach so im Raum stehen bleiben könnten. Auf jeden Fall hat es mich überrascht, was gut ist. So hat mir das Buch am Ende noch mal etwas mehr Spaß gemacht.


Es handelt sich hierbei um den ersten Band einer Reihe. Die weiteren Wände werde ich aber nicht lesen.


Der Stil gefällt mir gut, und die Unterhaltung war hoch, dennoch handelt es sich für mich hierbei nur um ein mittelmäßig gutes Buch. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das Buch bei Nicht-Müttern überhaupt gut ankommen würde? 

Leider hatte ich mir etwas mehr davon erwartet.


Zitat:

»Du kannst morgen deinen Rausch ausschlafen, dann eine Aspirin nehmen und zum Friseur gehen. Ich muss morgen früh raus, für alle Frühstück machen, Pausenbrote schmieren und die armen Kinder anschnauzen, dass sie sich gefälligst beeilen sollen. Dann habe ich den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen, weil ich mich um hysterische Schwangere kümmere, anstatt um meine Kinder, und wenn ich nach Hause komme, wartet im Keller eine Tonne Schmutzwäsche auf mich.«

(Seite 199)


ISBN 978-3-7857-2713-3

Lübbe, 2005

460 Seiten

Mittwoch, 10. Juni 2026

„Sturmflirren“ von Yasmin Shakarami


 Inhalt:

Bei Rea läuft gerade alles schief - sie hat ihrer Führerscheinprüfung vergeigt und auch mit ihrem Freund läufts nicht gut. Dann eröffnen ihre Eltern ihr auch noch, das sie nach Doha, der Hauptstadt Katars, ziehen. 

Dort angekommen kommt sie auch nicht mit ihrem Leben klar, bis sie den geheimnisvollen Shabah, das Phantom, kennenlernt…


Meinung:

Ich wusste erst nicht, was ich von dem Buch halten soll. Bis fast zur Hälfte hat sich die Geschichte für mich leider etwas schwach entwickelt. Aber dann gab’s einen großen Knall und plötzlich konnte ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Die Geduld hat sich gelohnt. 


Die Autorin hat sich hier einem sehr schwierigen Thema angenommen - Queere Liebe in einem islamischen Land und der Freiheitskampf von unterdrückten Frauen.

Der Anfang lies mich vermuten, dass es eine sehr kitschige Geschichte geben wird, dies hat sich aber als kompliziert herausgestellt, was mich dann doch überrascht hat. 


Die Entwicklung war dann sehr spannen und auch gut geschrieben. Man merkt an einigen Stellen, dass die Autorin gern ins poetisch philosophische Abschweift, was ich aber als ganz gut eingesetzt empfunden habe. 


Trotzdem habe ich noch mehr Kritik auf Lager: wie häufig in solchen Geschichten mit schwierigen Themen, scheint Geld wieder keine Rolle zu spielen. Was wäre, wenn es keine reiche Freundin gäbe, oder Rea keine Diplomatentochter gewesen wäre, die praktisch immun war? Es ist zu einfach alles von dieser privilegierten Sicht zu erzählen. 

Das wurde für mich etwas gemildert durch die Ereignisse am Ende, aber dennoch war es für den Hauptcharakter wieder viel zu einfach. 


Insgesamt hat mir das Buch dann sehr gut gefallen. Schöne Einsichten in eine andere Kultur und ein Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber Liebenden jeglichen Geschlechts. 


Auch empfehlenswert für die Jugend, da erfrischenderweise mal keine richtigen Sexszenen eingebaut wurden. Die Liebe kommt dennoch nicht zu kurz. 


Zitat:

»Wut ist gut, sie ist weiblich, ein Impuls, klug und voller Erneuerung. Wut ist der Beginn einer Metamor-phose, die uns reinigt, stärkt und zu Größerem verhilft.

Zorn hingegen bedeutet Erstarren. Ein totes Gefühl, das aushöhlt und vernichtet. Zorn ist männlich. Bleib wütend, Rea. Erlaube ihnen nicht, zu gewinnen.«

(Seite 105)


ISBN 978-3-570-16703-8

cbj, 2024

464 Seiten

Dienstag, 14. April 2026

„Kidz4kids 2.0 - Kurzgeschichten junger Schreibtalente“ von div. Autoren


Inhalt:

52 Gedichte und Kurzgeschichten von Autoren zwischen 11-19 Jahren


Meinung:

Es handelt sich hier bei meiner Meinung nach um eine sehr schöne Zusammenstellung von Geschichten junger Menschen.


Mal ist es eine Kurzgeschichte mal ein Gedicht aber keine Geschichte ist langweilig, sie haben alle ihre Daseinsberechtigung.


Am Anfang jedes Kapitels gibt es immer einen Steckbrief zum jeweiligen Auto oder Autoren, bei dem wir in den meisten fällen, auch das Alter desjenigen erfahren. Ich finde es äußerst bewundernswert, wenn sich so junge Menschen trauen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Aus meiner Sicht auf jeden Fall eine gute Sache.


Im Anhang habe ich gelesen, dass der Verlag auch ein Lektorat zur Verfügung gestellt hat. Ich würde interessieren, inwieweit die Texte zusammen mit den Autor:innen überarbeitet wurden.


Den ersten Band hab ich nicht gelesen. Vielleicht fällt er mir ja irgendwann in die Hände. Das wäre schön.

Den dritten Band habe ich bereits in meinem Regal stehen.



ISBN 978-3-9814244-6-1

Anuschka Weyand Buchverlag, 2015

228 Seiten

Donnerstag, 4. Dezember 2025

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara


Klappentext:

EIN WENIG LEBEN handelt von der lebens langen Freundschaft zwischen vier Man-nern, die sich am College kennengelernt haben. Willem versucht als Schauspieler Fuß zu fassen; Malcolm, ein Architekt, will aus dem Schatten seines erfolgreichen Vaters treten; JB ist Künstler und derjenige, der ihren Zusammenhalt immer wieder auf die Probe stellt. Jude St. Francis aber, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe - ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Wie in ein schwarzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.


Meinung:

Um in das Buch reinzukommen, musste ich mich schon sehr überwinden, weiter zu lesen. Ich gebe zu, dass mir die ersten 150 Seiten recht schwer gefallen sind. Da ich den Roman unbedingt zu Ende lesen wollte, habe ich ihm dann aber noch eine Chance gegeben. Wahrscheinlich ist mir der Anfang so schwer gefallen, weil bei der Vorstellung der wichtigsten Charaktere nicht so recht klar wird, was aus der ganzen Geschichte werden soll. Man fühlt keinerlei Gewichtung, alles fühlt sich recht gleich an und irgendwie monoton. Zumindest auf diesen ersten 100-150 Seiten, meiner Meinung nach.

Wenn man das einmal überwunden hat, trinkt man immer tiefer in die Geschichte Judes ein, die im Laufe des Romans immer schockierende wird. 


An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich es mir gewünscht hätte, wenn zu Anfang eine Trigger Warnung gegeben hätte. Für Menschen, die vielleicht abgemeldet, aber ähnliche Erfahrung gemacht haben, kann dieser Roman sehr niederwerfend oder zerschmettern sein.


Entgegen all meiner Erwartungen habe ich am Ende sogar geweint, was äußerst selten passiert, beim Lesen. Und das, obwohl ich natürlich schon lange wusste, worauf die Geschichte hinausläuft.


Aber zählt dieses Werk wirklich zu den 100 wichtigsten Büchern der Neuzeit? Da bin ich mir nicht sicher. Die Handlung zeigt viele extreme auf die, obwohl sie wahrscheinlich auch im realen Leben stattfinden, doch sehr extrem sind und nicht das alltägliche Grauen von vielen Misshandlungen widerspiegelt. Mit anderen Worten, ich finde diese Geschichte nicht alltagstauglich. Natürlich werden wichtige Themen angesprochen und der Stil ist sehr stimmig und atmosphärisch, aber letztendlich muss ich für mich doch sagen, dass es nicht realistisch ist. Das geht mir hauptsächlich so, weil der Hauptcharakter so schlimme Erfahrung gemacht hat und es dennoch zum Beispiel beruflich sehr weit gebracht hat. Das passt für mich nicht überein, wobei das nur ein Beispiel ist. Ich denke, in der Realität wäre Jude schon längst allein mit seinen Problemen. 

Mir ist klar, dass der Roman auch Hoffnung machen soll, das hat bei mir aber nicht funktioniert.


Ich finde schon, dass es sich hier um ein hervorragendes Buch handelt aber wird dieses Buch auch in 30 Jahren immer noch genauso wichtig sein? Da bin ich mir nicht so sicher und daher zählt es für mich nicht zu den wichtigsten Büchern aller Zeiten.


Zitat:

Warum kann er dann nicht aufhören, immer wieder auf Geschehnisse zurückzukommen, die so weit zurückliegen, sie immer wieder neu zu durchleben? Warum kann er sich nicht einfach an seiner Gegenwart erfreuen? Warum ist er seiner Vergangenheit eine solche Anerkennung schuldig? Warum wird sie immer lebendiger, je weiter er sich von ihr entfernt?

(Seite 613)


Über die Autorin:

Hanya Yanagihara, 1974 geboren, ist ein US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist Redakteurin beim Stilmagazin T der New York Times.

EIN WENIG LEBEN gewann den Kirkus Prize und stand auf der Shortlist des M Booker Prize, des National Book Awar und des Baileys Prize. Es ist eines der bestverkauften und meistdiskutierten literarischen Werke der vergangenen Jahre.

(Quelle: Klappen-Innentext)


ISBN 978-3-446-25471-8

Hanser Berlin, 2016 (2015)

960 Seiten

Montag, 28. April 2025

„Normale Menschen“ von Sally Rooney

Inhalt:

Connell und Marianne kennen sich seit der Schule und begegnen sich über die Jahre immer wieder - sowohl freundschaftlich als auch sexuell. Finden sie auch zusammen?

 

Meinung:

Das Buch ist auf einer besonders interessante Weise geschrieben. Die Sicht wechselt immer vom einen zum anderen Charakter und beleuchtet damit die aktuellen Ereignisse ganz unterschiedlich.

Eigentlich kann man die Beziehung als tragisch bezeichnen. Missverständnisse sorgen oft dazu, dass sich die beiden wieder voneinander entfernen. Der Leser leidet mit.

Das rührt meiner Meinung nach auch daher, dass sich die Tragik im Laufe des Romans immer mehr verdichtet. Zu Beginn scheinen die jugendlichen Sorgen noch weitaus weniger schlimm, als die Situationen der späteren Jahre. Zugleich lernt man die Charaktere aber auch immer besser kennen.

Die Autorin versteht es auch immer wieder Kleinigkeiten einzubauen, die uns die Hauptpersonen besser verstehen lassen. Dennoch stagnieren diese auch nicht, sondern haben auch Höhen und Tiefen.

Sehr gut geschrieben, aber ich frage mich doch, ob man diesen Roman tatsächlich als modernen Klassiker bezeichnen kann. So habe ich es schon von Influencern bereits gehört.

Für mich hat das Buch auf jeden Fall einen Alleinstellungscharakter, da ich kein vergleichbares Werk kenne.

Insgesamt hat mir das Lesen großen Spaß gemacht. Es ist nicht langweilig und wurde sich auch gut an 1-2 Tagen lesen lassen.

Empfehlenswert.


Zitat:

Sie drückte seine Hand, und er drückte ihre so fest, dass es fast weh tat, und diese kleine Geste der Verzweiflung seinerseits ließ sie lächeln.

Ich vergebe dir, sagte sie.

Danke. Ich glaube, ich habe daraus gelernt. Und hoffentlich habe ich mich geändert, du weißt schon, als Mensch. Aber ganz ehrlich, wenn ich mich geändert habe, dann wegen dir.

Sie hielten unter der Decke weiter ihre Hände, sogar nachdem sie eingeschlafen waren.

(Seite 113, Februar 2012)

 

ISBN 978-3-630-87542-2

Random House, 2020 (c.2018)

320 Seiten

Donnerstag, 24. April 2025

„Anna Karenina“ von Lew Tolstoi

Inhalt:

Die russische Oberschicht in den Jahren 1875-1878 ist entsetzt: die unglücklich verheiratete Anna Karenina betrügt ihren Mann mit dem charismatischen Graphen Wronski.

Parallel versucht der Gutsbesitzer, Lewin, eine Familie zu gründen.

 

Meinung:

Die beiden Hauptcharaktere des Romans, Anna und Lewin, kennen sich kaum und begegnen sich nur einmal. Da sie aber den gleichen Bekanntenkreis haben, erfahren wir die Geschichte auf mehreren Ebenen.

Beiden Charakteren wie fährt eine starke Veränderung innerhalb der wenigen Jahre, in der dieser Roman spielt. Wir lernen Annas Gefühlswelt genauso kennen wie die Lewins. Dennoch unterscheiden sich beide Charaktere enorm.

Der Autor versteht es außerordentlich, die Gefühlslage von Personen und deren Gedanken zu verdeutlichen. Tolstoi arbeitet nicht nur mit inneren Monologen, sondern schafft es auch die innere Zerrissenheit der Figuren darzustellen.

Hier kommt es auch oft vor, wie man es auch von sich selbst kennt, dass man Entschlüsse, die man gefasst hat, vielleicht nicht immer in die Tat umsetzen kann. Auch wenn sich ein Charakter noch so sehr Gedanken über seinen zukünftiges Handeln gemacht hat, fehlt ihm dann vielleicht doch der Mut oder alles kommt anders, als er es sich vorgenommen hat.

Diesen Stil in einem Roman umgesetzt, habe ich bisher erst selten erlebt.

Der Wechsel ins Innere einer Figur kommt manchmal fließend und ist äußerst gut gelungen. Als Beispiel möchte ich hier die Jagdzähne aus der Sicht der Hündin anbringen, die mich diesbezüglich sehr beeindruckt hat.

Entgegen anderer Kritiken aus dem Internet haben mich die landwirtschaftlichen Stellen überhaupt nicht gelangweilt. Wir lernen Lewin hier auf eine bestimmte Art kennen, die seine eigene Reise später noch mal ganz anders beleuchtet. Daher finde ich diese Szenen enorm wichtig. Wenn man sich bei anderen Romanen vielleicht beschweren mag, dass die Charakterentwicklung zu kurz kommt, muss man hier auch das gesamte erkennen. Für Lewins Charakter sind die Erfahrungen mit den Bauern wichtig.

Über den Inhalt möchte ich hier gar nicht spoilern. Ich kann aber sagen, dass ich die Handlung höchst interessant fand. Da ich so wenig Bezug zu russischen Geschichte habe, habe ich alles, was ich erfahren hab gern gelesen.

Das Buch hat mich sehr beeindruckt.

Zitat 1:

“Mag sein. Trotzdem ist das für mich befremdlich, wie es jetzt auch für mich befremdlich ist, dass wir Menschen vom Land versuchen, möglichst rasch satt zu werden, um wieder ans Werk gehen zu können, während wir beide jetzt versuchen, möglichst lang nicht satt zu werden, und dazu essen wir Austern...“

“Versteht sich“, bestätigte Stepan Arkadjitsch. „Aber dies ist doch das Ziel der Bildung: alles zum Genuss werden zu lassen.“

“Na, wenn dies das Ziel ist, bleibe ich lieber unzivilisiert.“

“Bist du sowieso. Ihr Lewins seid alle unzivilisiert.“

(Seite 60)

Zitat 2:

Stepan Arkadjitsch musste lächeln. Nur zu gut kannte er dieses Gefühl Lewins, wusste, dass sich für ihn alle Mädchen dieser Welt in zwei Kategorien unterteilten: die einen, das waren alle Mädchen dieser Welt außer ihr, und die hatten alle menschlichen Schwächen und waren sehr gewöhnliche Mädchen; die anderen, das war sie allein, sie hatte keine Schwächen und stand hoch über der gesamten Menschheit.

(Seite 62)

Zitat 3:

Einer Dame von Welt oder der Mutter eines achtjährigen Sohnes glich Anna überhaupt nicht, eher einem zwanzigjährigen Mädchen dank der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der auf ihrem Gesicht stets zu findenden Lebhaftigkeit, die bald im Lächeln, bald im Blick aufbrechen wollte, wäre nicht der ernste, manchmal traurige Ausdruck ihrer Augen gewesen, der Kitty verwunderte und anzog. Kitty spürte, dass Anna vollkommen schlicht war und nichts verbarg, aber dass sie eine andere, höhere Welt in sich trug, komplizierte und poetische Interessen, zu denen Kitty keinen Zugang hatte.

(Seite 113)

 

ISBN 978-3-446-23409-3

Hanser, 2009 (c.1878)

1.286 Seiten (inkl. Anhang und Nachwort)

Dienstag, 18. März 2025

„Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez

Inhalt:

Über hundert Jahre im Leben der kolumbianischen Familie Buendias, die im 19. Jahrhundert schon manchen Krieg und viele Affären erleiden musste. Dennoch sind sich alle Familienmitglieder in ihrer teilweise selbst auferlegten Einsamkeit sehr ähnlich.

 

Meinung:

Der Roman von 1967 hat mich schwer bewegt, womit ich tatsächlich nicht gerechnet habe. Es ist eines von diesen Werken, was einen im Inneren berührt. Man kann förmlich die feuchte Luft spüren und die Kalk gegen Wände sehen, sowie das Alter und die Einsamkeit der leeren Räume hören. Das klingt nicht nur melancholisch, sondern das Buch stimmt nicht melancholisch.

Was habe ich von dem Roman erwartet? Bestimmt nicht dieses Familienepos, bei dem mich zunächst verwunderte, dass die Hälfte der Familienmitglieder den gleichen Vornamen haben. Wenn man weiter liest, merkt man aber, dass alles ein Zusammenhang hat, tief miteinander verwoben ist.

Einzig hätte ich mir gewünscht, etwas mehr geographischen und geschichtlichen Zusammenhang über dieses nordkolumbianische Gebiet zu haben, nahe der Sierra und unweit einer Küste.

Mir war außerdem lange nicht klar, zu welcher Zeit der Roman spielt. Wenn ich es recht bedenke, hätte die Geschichte aber auch genauso gut heute spielen können. Wobei einem bei einem solchen Plot doch wieder klar wird, gut man es in seinem Leben hat.

Verwunderlich, dass, obwohl die Familienmitglieder so eng miteinander leben, scheint die Familienbande doch sehr schlecht zu sein in diesem Werk. Lässt sich das auf unser heutiges Leben übertragen? Leben wir nur nebeneinander her und hören einander gar nicht recht zu? Haben wir tiefe Gefühle für einander? Ich denke schon.

Umso dramatischer wirkt der Roman und das Leben der Familie Buendias.

Ich glaub, ich werde noch einen Stammbaum der Familie im Internet suchen, um mir alles noch mal in Erinnerung zu rufen.

Dieses Buch gesellt sich meiner Meinung nach zu Recht ein in die Liste der 100 wichtigsten Bücher der Neuzeit.


Zitat:

In der Tat, sie litten an der Krankheit der Schlaflosigkeit. Ursula, die von ihrer Mutter in die Heilkraft der Pflanzen eingeführt worden war, bereitete ein Gebräu aus Eisenhutblättern, das sie allen zu trinken gab, doch sie schliefen nicht ein, hatten stattdessen den ganzen Tag über Wachträume. In diesem Zustand überspannter Hellsicht sahen sie nicht nur eigene Traumbilder, sondern auch die aus den Träumen der anderen. Es war, als habe sich das Haus mit Gästen gefüllt.

(Seite 60)

 

ISBN 978-3-462-05021-9

Kiepenheuer & Witch, 2017 (c.1967)

520 Seiten 

Mittwoch, 19. Februar 2025

„Anne auf Green Gables“ von Lucy Maud Montgomery

Inhalt:

Das Waisenkind Anne wird auf Prince Edward Island (Kanada) von einem alten Geschwisterpaar aufgenommen und lebt fortan dort mit ihnen, auf Green Gables. Ihre Sicht auf die Dinge ist so ganz anders als die aller anderen Menschen – die Abenteuer beginnen…

 

Meinung:

Nicht umsonst handelt es sich hierbei um eines der beliebtesten Kinderbücher des letzten Jahrhunderts. Annes erfrischende Art bewegt jung und alt gleichermaßen. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich viele Menschen nach Entschleunigung und Rückkehr zu den einfachen Dingen sehnen, trifft sie wieder den Nerv. Ich wünsche mich als Leser an ihre Seite und möchte ihre Unbeschwertheit selbst miterleben.

Und wenn Anne mal traurig ist, merkt das auch jeder sofort. Sie versucht sich gar nicht erst zu verstellen, sondern will jede ihrer Gefühle durchleben und spüren. Auf diese Weise findet sie zu sich selbst und bereichert gleichzeitig di e Gemeinschaft um sie herum, ohne, dass die es so sehr mitbekommen.

Ich liebe das Buch. Ein absolutes Muss.

 

Zitat:

„Du hängst dein Herz zu sehr an so etwas, Anne“, sagte Marilla seufzend. „Ich fürchte, dass es noch jede Menge Enttäuschungen in deinem Leben geben wird.“

„Ach, Marilla, die Vorfreude auf etwas ist doch schon das halbe Vergnügen“, rief Anne. „Selbst wenn man es gar nicht wirklich bekommt – den Spaß, den dir die Erwartung bereitet, hast du auf jeden Fall. Mrs. Lynde sagt: >Selig sind, die nichts erwarten, denn sie können nicht enttäuscht werden.< Aber gar nichts zu erwarten finde ich noch schlimmer als enttäuscht zu werden.“

(Seite 119)

 

ISBN 978-3-7306-0402-1

Anaconda, 2016 (c.1908)

384 Seiten 

Mittwoch, 5. Februar 2025

„Gruß aus der Küche“ von Ingrid Noll

Inhalt:

Irma ist Besitzerin und Küchenchefin eines kleines vegetarischen Restaurants (ehemals „Zum Hirschen“, jetzt „Aubergine“), dass sich steigender Beliebtheit erfreut. Sie ist eine herzliche Chefin, die ihr kleines Team mit viel Liebe anführt. Aber was treiben Josch, der Kellner, Vinzent, der Senioren-Hilfsarbeiter, Lucy, die 16jährige Kellnerin und Kerstin, die ehemalige Klassenkameradin und jetzige Küchenkraft, so untereinander?

 

Meinung:

Es handelt sich hierbei um einen sehr stimmungsvollen, fast schon beschwingten kleinen Roman. Die Handlung rund um die kleine Restaurant-Crew ist sehr unterhaltsam. Das wird durch den Sichtwechsel der Charaktere in den Einzelnen Kapiteln noch unterstützt: worüber der Eine gerade grübelt, hat der Andere gerade verbockt. Hier schafft Ingrid Noll wieder eine interessante Stimmung. Man kommt sich als Leser fast so vor, als sitzt man selbst in der Aubergine und beobachtet das „Treiben“ der Angestellten. Gut gemacht, angenehmer Stil. Aber das bin ich von ihren Büchern ja bereits gewöhnt.

Wieder ein sehr lesenswerter Roman von Ingrid Noll und absolut zu empfehlen für zwischendurch.

Die Autorin hat den Roman im stattlichen Alter von 89 Jahren veröffentlicht, was ich überaus bemerkend finde.

Überhaupt haben mir ihre Gesellschaftsromane immer deutlich besser gefallen, als ihr Krimis.

Aus meiner Sicht ist sie zu Recht eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen.


Zitat:

Als ich damals das Gasthaus Zum Hirschen über und sofort umtaufte, wollte ich auch das riesige Geweih über dem Eingang entfernen lassen, aber es hing nicht bloß locker an einem Haken, sondern leistete wehrhaften Widerstand. Josch hatte die gute Idee, das antike Denkmal fleischbetonter Küche ein wenig zu verfremden und lächerlich zu machen, nämlich durch eine originelle Dekoration. Zur Eröffnung bilden Auberginen an den Spitzen des Geweihs, zu Ostern waren es dann bunte Eier, an Weihnachten natürlich viel Lametta.

(Kapitel 28, Irmas Hirsch, S. 203)

 

ISBN 9-783-2576-1473-2

Diogenes, 2024

304 Seiten 

Sonntag, 5. Januar 2025

„Windstärke 17“ von Caroline Wahl

Inhalt:

Die Geschichte von Tilda und Ida geht weiter. Dieses Mal aus Idas Sicht, die ein paar Jahre älter ist als im ersten Buch (22 Bahnen). Ida hatte die letzten Jahre allein mit Mama gelebt, bis diese sich umgebracht hat. Jetzt verschlägt es sie nach Rügen.

 

Meinung:

Das Buch lebt von Idas Gedanken, die sich um ihre Mama oder um sich selbst drehen. Manchmal auch um die Beziehung zu ihrer Schwester Tilda.

Innerer Dialog wird von der Autorin gut umgesetzt und wirkt auf mich äußerst authentisch.

Die psychischen Probleme, die Ida hat, lassen sich gut nachvollziehen und wirken nicht gestellt.

Leider muss ich mich gegen Ende aber doch fragen. Was wäre passiert, wenn Ida nicht so viel Glück auf Rügen gehabt hätte? Natürlich handelt es sich hierbei um eine fiktive Erzählung. Zu viele Schwierigkeiten hätten die Intention wahrscheinlich abgelenkt und unnötige Dramatik hervor beschworen. So kann ich die Entscheidung gut nachvollziehen, dass Ida plötzlich so viel Glück im Leben hat. Jetzt kann sie sich voll auf sich selbst konzentrieren, was wir uns glaube ich alle etwas wünschen. Dieses sorgenfreie Leben können wir dem Hauptcharakter gönnen und wünschen uns für sie ein happy end.

Entgegen anderer im Internet kursieren der Meinungen, finde ich das Buch tatsächlich besser als den ersten Band. Das erste Buch war ebenso geprägt von Melancholie und leichter Depression, aber in diesem Buch versteht es, die Autorin realistische Reaktionen zu erzeugen. Als Leser habe ich das Gefühl, dass Ida das schon irgendwie in den Griff bekommt. Das ging mir bei „22 Bahnen“ nicht so.

Fazit: ein nettes, kleines Buch für zwischendurch. Nicht schlechter, aber auch nicht besser. Hat mir gefallen.


Zitat

Erschöpft lasse ich mich in den Sand fallen, decke mich mit meinem Pullover zu und schaue in den grauen Himmel. Meine Arme und Beine kribbeln, kleine Regentropfen laufen über mein Gesicht. Oder ist es der Nebel, der zu Boden fällt?

Die Ostsee ist immer noch still und glatt, weiße Schlieren steigen aus ihr heraus wie Geister. Totenstille, keine einzige Möwe, die kreischt.

(S. 90, Teil 3)

 

ISBN 978-3-8321-6841-4

DuMont, 2024

254 Seiten
 

Freitag, 27. Dezember 2024

„Die Vegetarierin“ von Han Kang

Inhalt:

Yong-Hye hat schreckliche Träume, die sie dazu bringen kein Fleisch mehr essen zu wollen. Sie stößt auf komplettes Unverständnis innerhalb ihrer Familie und verabschiedet sich geistig immer mehr von ihrer Umwelt.

 

Meinung:

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, im ersten Abschnitt aus der Sicht des Ehemanns der Vegetarierin, unterbrochen mit kurzen Traumsequenzen/Gedankenfetzen von ihr. Der zweite Abschnitt ist aus der Sicht ihres Ehemanns der Schwester und der dritte Abschnitt aus der Sicht ihrer Schwester.

Alle drei Erzählungen stehen indirekten Zusammenhang zueinander. Die Gabe der Autorin besteht darin, die dünnen Fäden am Ende so zu verwickeln, dass man das Gefühl bekommt, was passiert ist, war unausweichlich. Am Ende dachte ich zu verstehen, dass alle drei Charaktere eine Flucht aus ihrem Leben suchen und es der Schwester am Ende auch klar wird, nur, dass sie den Vorteil hat, die Geschichte besser überblicken zu können, weil sie die anderen beiden erst beobachten konnte. Dennoch verfällt sie am Ende in ein ähnlich schwachen Geisteszustand. Sie fühlt sich machtlos, genau wie ihre Schwester und ihr Ehemann.

Das Buch ist sehr poetisch, lässt vieles unausgesprochen und regt zum nachdenken über die eigene Situation und die eigene Alltagsbewältigung an. Man fragt sich unweigerlich, ob man selbst glücklich ist und ein erfülltes Leben hat. Insgesamt wirkt es sehr melancholisch und macht einen am Ende eher traurig. Dieses Werk schafft es wenig Hoffnung in sich zu tragen. Ich stelle mir die Frage, wie realistisch diese Ansicht ist, die im Buch vermittelt wird. Es wirkt alles sehr ausweglos.

Insgesamt fand ich den Roman sehr interessant, kann mir aber vorstellen, dass er viele Leute eher herunter zieht.

Vielleicht helfen die Geschichten daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben. Denn so wie es den drei Hauptcharakter Uhren in diesem Buch geht, möchte man wohl nicht enden.


Zitat:

Ich möchte einmal, ein einziges Mal einen großen Schrei ausstoßen können. Ich möchte in die Dunkelheit hinauslaufen, die sich jenseits der Fensterscheibe befindet. Würde das den Knoten auflösen können? Wäre das möglich?

Keiner kann mir helfen.

Keiner kann mich retten.

Keiner kann mir das freie Atmen wiedergeben.

(Seite 53, Abschnitt 1)

 

ISBN 978-3-351-03653-9

Aufbau-Verlag, 2007 (2. Auflage von 2016)

190 Seiten

Montag, 10. Juni 2024

„22 Bahnen“ von Caroline Wahl

Inhalt:

Tilda geht jeden Abend nach der Uni (und ihrem morgendlichen Job als Kassiererin) ins Freibad um 22 Bahnen zu schwimmen. Für sie bedeutet das die kleine Flucht aus ihrem schwierigen Alltag, in dem Sie sich um ihre kleine Schwester kümmert, weil die Mutter eine Alkoholikerin ist. Leider denkt sie auch immer noch über die Vergangenheit nach, bis sie Viktor entdeckt, der jetzt auch täglich im Schwimmbad seine Bahnen zieht.

 

Meinung:

Der Roman ist äußerst kurzweilig und vom Stil her sehr gut lesbar.

Die Ich-Erzählerin ist erfrischend ehrlich und macht sich nichts vor. Ihr innerer Kampf wird deutlich, als sie sich entscheiden muss sich eventuell bald für eine Stelle in Berlin zu bewerben. Wie sie versucht ihre Schwester mit Hilfe von Filmen über starke Frauen auf ihre Zukunft allein mit ihrer Mutter vorzubereiten, ist süß und wirkt auch nicht zu konstruiert.

In dem Buch geht es um schwierige Themen wie Alkoholsucht, Drogenmissbrauch und dem Verlust eines Freundes. Dies wird gut „verpackt“ und nicht rein für Effekte zur Schau gestellt. Man erfährt die Einzelheiten nur nach und nach, sie dass man das Gefühl bekommt, alles innerlich selbst zu verarbeiten.

Natürlich ist es kein Roman voller Sonnenschein. Insgesamt wirkt die ganze Szenerie eher bedrückend auf mich, was natürlich zu den Themen passt.

Der Hochsommer kommt auf jeden Fall nicht wirklich durch. Deswegen habe ich mir Tilda am Anfang tatsächlich eher im Hallenbad vorgestellt, das Freibad hat mich eher irritiert.

Achtung Spoiler:

Man wartet auf das schreckliche Ende, das dann irgendwie doch nicht eintritt. So schwingt zuletzt doch hauptsächlich Hoffnung mit, was meiner Meinung nach nicht zur düsteren Stimmung des Buches passt.

Ich bin hin und her gerissen, wenn es um eine abschließende Bewertung des Romans geht. Ich finde es ist eine wirklich gut geschriebene, intensive Geschichte. Aber den aktuellen Hype um das Buch kann ich letztendlich doch nicht ganz nachvollziehen.

Es ist auf jeden Fall lesenswert.

Zitat:

Ida beginnt, leise zu weinen, und ich bin geschockt, denn eigentlich meint Ida nicht. Sie hat irgendwann die Entscheidung getroffen, nicht mehr zu weinen. Aber nun scheint sie die Entscheidung widerrufen zu haben und lässt mit diesem Widerruf alle angestauten Tränen der letzten Jahre aus sich herausfließen.

(Seite 80)

 

ISBN 978-3-8321-6803-2

DUMONT, 2023

210 Seiten