Donnerstag, 24. April 2025

„Anna Karenina“ von Lew Tolstoi

Inhalt:

Die russische Oberschicht in den Jahren 1875-1878 ist entsetzt: die unglücklich verheiratete Anna Karenina betrügt ihren Mann mit dem charismatischen Graphen Wronski.

Parallel versucht der Gutsbesitzer, Lewin, eine Familie zu gründen.

 

Meinung:

Die beiden Hauptcharaktere des Romans, Anna und Lewin, kennen sich kaum und begegnen sich nur einmal. Da sie aber den gleichen Bekanntenkreis haben, erfahren wir die Geschichte auf mehreren Ebenen.

Beiden Charakteren wie fährt eine starke Veränderung innerhalb der wenigen Jahre, in der dieser Roman spielt. Wir lernen Annas Gefühlswelt genauso kennen wie die Lewins. Dennoch unterscheiden sich beide Charaktere enorm.

Der Autor versteht es außerordentlich, die Gefühlslage von Personen und deren Gedanken zu verdeutlichen. Tolstoi arbeitet nicht nur mit inneren Monologen, sondern schafft es auch die innere Zerrissenheit der Figuren darzustellen.

Hier kommt es auch oft vor, wie man es auch von sich selbst kennt, dass man Entschlüsse, die man gefasst hat, vielleicht nicht immer in die Tat umsetzen kann. Auch wenn sich ein Charakter noch so sehr Gedanken über seinen zukünftiges Handeln gemacht hat, fehlt ihm dann vielleicht doch der Mut oder alles kommt anders, als er es sich vorgenommen hat.

Diesen Stil in einem Roman umgesetzt, habe ich bisher erst selten erlebt.

Der Wechsel ins Innere einer Figur kommt manchmal fließend und ist äußerst gut gelungen. Als Beispiel möchte ich hier die Jagdzähne aus der Sicht der Hündin anbringen, die mich diesbezüglich sehr beeindruckt hat.

Entgegen anderer Kritiken aus dem Internet haben mich die landwirtschaftlichen Stellen überhaupt nicht gelangweilt. Wir lernen Lewin hier auf eine bestimmte Art kennen, die seine eigene Reise später noch mal ganz anders beleuchtet. Daher finde ich diese Szenen enorm wichtig. Wenn man sich bei anderen Romanen vielleicht beschweren mag, dass die Charakterentwicklung zu kurz kommt, muss man hier auch das gesamte erkennen. Für Lewins Charakter sind die Erfahrungen mit den Bauern wichtig.

Über den Inhalt möchte ich hier gar nicht spoilern. Ich kann aber sagen, dass ich die Handlung höchst interessant fand. Da ich so wenig Bezug zu russischen Geschichte habe, habe ich alles, was ich erfahren hab gern gelesen.

Das Buch hat mich sehr beeindruckt.

Zitat 1:

“Mag sein. Trotzdem ist das für mich befremdlich, wie es jetzt auch für mich befremdlich ist, dass wir Menschen vom Land versuchen, möglichst rasch satt zu werden, um wieder ans Werk gehen zu können, während wir beide jetzt versuchen, möglichst lang nicht satt zu werden, und dazu essen wir Austern...“

“Versteht sich“, bestätigte Stepan Arkadjitsch. „Aber dies ist doch das Ziel der Bildung: alles zum Genuss werden zu lassen.“

“Na, wenn dies das Ziel ist, bleibe ich lieber unzivilisiert.“

“Bist du sowieso. Ihr Lewins seid alle unzivilisiert.“

(Seite 60)

Zitat 2:

Stepan Arkadjitsch musste lächeln. Nur zu gut kannte er dieses Gefühl Lewins, wusste, dass sich für ihn alle Mädchen dieser Welt in zwei Kategorien unterteilten: die einen, das waren alle Mädchen dieser Welt außer ihr, und die hatten alle menschlichen Schwächen und waren sehr gewöhnliche Mädchen; die anderen, das war sie allein, sie hatte keine Schwächen und stand hoch über der gesamten Menschheit.

(Seite 62)

Zitat 3:

Einer Dame von Welt oder der Mutter eines achtjährigen Sohnes glich Anna überhaupt nicht, eher einem zwanzigjährigen Mädchen dank der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der auf ihrem Gesicht stets zu findenden Lebhaftigkeit, die bald im Lächeln, bald im Blick aufbrechen wollte, wäre nicht der ernste, manchmal traurige Ausdruck ihrer Augen gewesen, der Kitty verwunderte und anzog. Kitty spürte, dass Anna vollkommen schlicht war und nichts verbarg, aber dass sie eine andere, höhere Welt in sich trug, komplizierte und poetische Interessen, zu denen Kitty keinen Zugang hatte.

(Seite 113)

 

ISBN 978-3-446-23409-3

Hanser, 2009 (c.1878)

1.286 Seiten (inkl. Anhang und Nachwort)

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