Dienstag, 27. Februar 2024

„Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa

Inhalt:

Amal wird in Jenin, einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Jerusalem, geboren. Sie kennt nichts Anderes. Das ist ihr Zuhause. Sie ist sogar glücklich, denn sie hat ihre große Familie. Alle Menschen um sie rum sind ihre Familie. Aber ihr Familie muss seit 1948 im ständigen Krieg überleben. Seit die Israelis sich ihr Land genommen haben. Ein ganzes Volk ist seitdem obdachlos.

 

Meinung:

Der erste Roman den ich gelesen habe, der komplett in einem neuzeitlichen Krieg spielt. Die Gräueltaten der Besatzer sind unaussprechlich. Dabei habe ich sogar das Gefühl, dass nur wenig Leid tatsächlich geschildert wird. Man merkt, dass es der Autorin nicht nur darum geht mit dem Grauen des Krieges aufzuschrecken. Es geht viel tiefer.

Ich für mich habe mit diesem Buch die Palästinenser, bzw. auch die Moslems, auf eine Weise kennengelernt wie es mir vorher nicht möglich war. Ich bin tief berührt und habe jetzt auch einen anderen Blickwinkel auf den aktuellen Krieg der in Gaza/Israel tobt.

Ich meine fast verstehen zu können wie verbunden die Palästinenser mit ihrem Land haben. Das Land in dem sie seit vielen Generationen gelebt und geliebt haben und dass ihnen einfach abgenommen wurde. Nicht einfach, sie müssen mit der Herrschaft der Besatzer klarkommen und verlieren immer mehr ihre Identität. Es handelt sich hier meiner Meinung nach tatsächlich um Genozid.

 

Zitat:

Eine laute Explosion riss die Abdeckung über uns weg.

[..]

Ich sah auf Aisha hinunter. Sie schlief. Ihr Gesicht war ruhig. Engelsgleich. Ihre süßen, kleinen, rosigen Lippen waren leicht geöffnet und fast zu einem Lächeln verzogen. Ich verstand es nicht gleich. Meine Tränen landeten auf ihrem Gesicht, ließen den Schmutz in Streifen auf ihrer Wange verlaufen. Ihr Bauch war ein klaffendes Loch mit einem kleinen Glassplitter darin.

(S. 97)

 

ISBN 978-3-4533-5662-7

DianaVerlag, 2012

432 Seiten

Freitag, 16. Februar 2024

„Liebes Kind“ von Romy Hausmann

Inhalt:

Lena ist der Gefangenschaft entflohen. Die Grauen die sie in der Hütte erlebt hat, sind beinahe unaussprechlich. Sie liegt im Krankenhaus und muss den Polizisten unbedingt noch etwas sagen. Sie heißt gar nicht Lena…

 

Meinung:

Bei diesem Thriller erlebt man die schlimmen Dinge, als wäre man selbst das gedemütigte Opfer. Wobei bei den Details nicht übertrieben wird. Aber der Leser merkt, beziehungsweise kann sich denken, was hier noch alles geschehen ist.

Dazu kommt die feine Ausarbeitung der psychischen Probleme aller Charaktere. Auch merkt man nach und nach, was stimmt und was falsche Wahrnehmung ist. Sehr Klever gemacht.

Obwohl Thriller nicht mein präferiertes Genre sind, hat mir dieser Roman doch insgesamt gut gefallen.

Nachdem ich Raum gelesen hatte, war mein Interesse für dieses Buch besonders groß, wird es doch im Internet in einem Zug damit genannt.

Große Ähnlichkeiten (außer den offensichtlichen) zu Raum kann ich nicht erkennen, liegt der Fokus hier doch mehr im Grauen und der Psyche, als in Hoffnung und Lebensmut.

Trotzdem wird es für einige Zeit der letzte Thriller auf meiner Leseliste sein.

Zitat (Seite 48, Hannah):

„Welches Geräusch?“

„Na, woher, glauben Sie, kommen die schlimmen Flecken auf dem Teppich überhaupt?“

Schwester Ruth sieht aus, als würde sie überlegen, aber ich weiß ja inzwischen, dass sie darin nicht besonders gut ist.

„Wie wenn man eine Wassermelone auf den Boden fallen lässt“, erkläre ich also, um ihr eine. Weitere Peinlichkeit zu ersparen. „So hört es sich an, wenn man jemandem etwas auf den Schädel haut. „Pamm!“, sage ich mit meiner Löwenstimme, und dann wieder normal: „Und danach ist es erst mal ganz still.“

 

ISBN 978-3-423-26229-3

dtv, 2019

428 Seiten

Freitag, 9. Februar 2024

„Raum“ von Emma Donoghue

Inhalt:

Jack hat Geburtstag - er ist jetzt fünf. Kurze Zeit später gesteht seine Ma ihm, das es die meisten Sachen die sie in „Fernseher“ sehen in echt gibt. Aber Jack war noch nie draußen aus „Raum“ und kann es nur ganz langsam glauben. Bis zu einem Tag…

 

Meinung:

Es stimmt, was hinten auf dem Buchrücken steht (Zitat von Audrey Niffenegger): „Wenn du Raum gelesen hast, mag die Welt noch sein, wie sie ist. Aber du selbst hast dich verändert.“

Das Buch ist traurig aber vermittelt mir gleichzeitig eine Hoffnung, bzw. ein Wissen, das alles gut macht. Man besinnt sich, zumindest für kurze Zeit, wieder auf das was wirklich wichtig ist im Leben.

Das Buch passt in unsere aktuelle Gesellschaft, wo sich viele Menschen nach Minimalismus und Einfachheit im Leben sehnen. Man denkt beim Lesen darüber nach, was man alles nicht braucht im Leben und wie wichtig eine echte, tiefe Beziehung zu einem Menschen ist.

Jack hat Ma im Buch gerettet. Trotzdem kommt Ma erst mal nicht mit ihrem Leben klar. Und Jack verliert seine Heimat, egal wie schrecklich sie für Ma oder alle anderen aussieht. Für Jack bricht damit eine Welt zusammen. Das hat was von Platon - Jack kannte nichts anderes als Raum und konnte sich die Welt draußen gar nicht vorstellen. Und damit war er zufrieden.

Aber um seine Ma zu retten, hat er alles auf sich genommen.

Der Missbrauch den die Mutter erleidet Tritt augenscheinlich erst mal in den Hintergrund. Dafür wird aber das psychische Leiden, dass Gefangenschaft und Missbrauch mit sich bringen äußert nachvollziehbar geschildert. Dabei kommt das Buch fast gänzlich ohne Szenen mit großer Gewalt aus. Sehr gut gemacht.

Ich hab erst gehadert ob ich das Buch überhaupt lesen soll, weil ich die Verfilmung bereits kannte. Es hat sich aber sehr gelohnt. Ich kann den Roman wirklich jedem empfehlen. Spannend, bewegend und tiefgründig.

 

Zitat:

 „Als ich vier war, wusste ich noch gar nichts von der Welt, oder ich dachte, das sind nur Geschichten. Dann hat Ma mir in echt davon erzählt und danach wusste ich alles. Aber jetzt, wo ich die ganze Zeit in der Welt bin, weiß ich überhaupt nicht mehr viel, immer bin ich durcheinander.“

(Seite 400 (Abschnitt: Leben))

 

ISBN 978-3-492-05466-9

Piper, 2012

400 Seiten

Sonntag, 4. Februar 2024

„Das Lied des Gaukelspielers“ von Ann-Kathrin Wasle

Inhalt:

Balthasar erwacht ohne Erinnerung und sieht sich bald als Suchender mitten in den Grauen des Dreißigjährigen Kriegs und den Schrecken der Pest.

 

Meinung:

In diesem Buch sind Namen nicht einfach nur Schall und Rauch.

Hinter mir liegt ein düsterer Historienroman nach und nach immer mehr Fantasy-Inhalte ausweist (bzw. Magie).

Der Roman verbindet offensichtlich auch Erfahrungen unserer modernen Pandemie (COVID-19) mit mystischen Geschichten wie Krabat (Otfried Preußler).

Überraschenderweise baut sich die Stimmung und Dramatik immer mehr auf. Für mich war die Intensität der Charaktere und Handlungen gegen Ende immer spannender. Es ist selten, dass ich von einem Roman so starke Gefühle vermittelt bekommen.

Das Buch ist spannend und regt gleichzeitig zum Nachdenken an.

Der Plot-Twist ist erstaunlich intelligent gemacht. Ich war richtig begeistert von der interessanten Verarbeitung der unterschiedlichen Abschnitte. Was ich sonst so gut wie nie mache, habe ich hier ausgiebig vorgenommen: ich hab zwischendurch und am Ende nochmal N den Anfang geblättert um nochmal nachzulesen, wie alles zusammenpasst. Sehr schlau gemacht.

Das Buch hat mich rundherum begeistert. Da bekommenden richtig Lust wieder historische Romane zu lesen.

Dieses Buch habe ich auf der Frankfurter Buchmesse 2023 direkt bei der Autorin gekauft und ihr Mann und Kleinkind waren auch dabei.

 

Zitat:

Schwer hing der Geruch des Todes in der ungelüfteten Kammer. Die Fenster waren von außen verbarrikadiert und den beiden Männern war es nur mit Mühe gelungen, einen der Fensterläden wieder zu öffnen. Das Surren der Fliegen klang träge durch die stickige Luft, so als wüssten die Tiere, dass sie noch einige Stunden auf ihr Festmahl warten mussten. Von draußen drang das Schellengeläut des Karnevals herein.

(„Der Zauberer 1630-1631, S. 264, „Das Epiphanienfest“)

 

ISBN 978-3-949198-00-7

Tintenschwan, 2020

590 Seiten