Inhalt:
Die russische Oberschicht in den
Jahren 1875-1878 ist entsetzt: die unglücklich verheiratete Anna Karenina
betrügt ihren Mann mit dem charismatischen Graphen Wronski.
Parallel versucht der
Gutsbesitzer, Lewin, eine Familie zu gründen.
Meinung:
Die beiden Hauptcharaktere des
Romans, Anna und Lewin, kennen sich kaum und begegnen sich nur einmal. Da sie
aber den gleichen Bekanntenkreis haben, erfahren wir die Geschichte auf
mehreren Ebenen.
Beiden Charakteren wie fährt eine
starke Veränderung innerhalb der wenigen Jahre, in der dieser Roman spielt. Wir
lernen Annas Gefühlswelt genauso kennen wie die Lewins. Dennoch unterscheiden
sich beide Charaktere enorm.
Der Autor versteht es
außerordentlich, die Gefühlslage von Personen und deren Gedanken zu verdeutlichen.
Tolstoi arbeitet nicht nur mit inneren Monologen, sondern schafft es auch die
innere Zerrissenheit der Figuren darzustellen.
Hier kommt es auch oft vor, wie
man es auch von sich selbst kennt, dass man Entschlüsse, die man gefasst hat,
vielleicht nicht immer in die Tat umsetzen kann. Auch wenn sich ein Charakter
noch so sehr Gedanken über seinen zukünftiges Handeln gemacht hat, fehlt ihm
dann vielleicht doch der Mut oder alles kommt anders, als er es sich
vorgenommen hat.
Diesen Stil in einem Roman
umgesetzt, habe ich bisher erst selten erlebt.
Der Wechsel ins Innere einer
Figur kommt manchmal fließend und ist äußerst gut gelungen. Als Beispiel möchte
ich hier die Jagdzähne aus der Sicht der Hündin anbringen, die mich
diesbezüglich sehr beeindruckt hat.
Entgegen anderer Kritiken aus dem
Internet haben mich die landwirtschaftlichen Stellen überhaupt nicht
gelangweilt. Wir lernen Lewin hier auf eine bestimmte Art kennen, die seine
eigene Reise später noch mal ganz anders beleuchtet. Daher finde ich diese
Szenen enorm wichtig. Wenn man sich bei anderen Romanen vielleicht beschweren
mag, dass die Charakterentwicklung zu kurz kommt, muss man hier auch das
gesamte erkennen. Für Lewins Charakter sind die Erfahrungen mit den Bauern
wichtig.
Über den Inhalt möchte ich hier
gar nicht spoilern. Ich kann aber sagen, dass ich die Handlung höchst
interessant fand. Da ich so wenig Bezug zu russischen Geschichte habe, habe ich
alles, was ich erfahren hab gern gelesen.
Das Buch hat mich sehr
beeindruckt.
Zitat 1:
“Mag sein. Trotzdem ist das für
mich befremdlich, wie es jetzt auch für mich befremdlich ist, dass wir Menschen
vom Land versuchen, möglichst rasch satt zu werden, um wieder ans Werk gehen zu
können, während wir beide jetzt versuchen, möglichst lang nicht satt zu werden,
und dazu essen wir Austern...“
“Versteht sich“, bestätigte
Stepan Arkadjitsch. „Aber dies ist doch das Ziel der Bildung: alles zum Genuss
werden zu lassen.“
“Na, wenn dies das Ziel ist,
bleibe ich lieber unzivilisiert.“
“Bist du sowieso. Ihr Lewins seid
alle unzivilisiert.“
(Seite 60)
Zitat 2:
Stepan Arkadjitsch musste
lächeln. Nur zu gut kannte er dieses Gefühl Lewins, wusste, dass sich für ihn
alle Mädchen dieser Welt in zwei Kategorien unterteilten: die einen, das waren
alle Mädchen dieser Welt außer ihr, und die hatten alle menschlichen Schwächen
und waren sehr gewöhnliche Mädchen; die anderen, das war sie allein, sie hatte
keine Schwächen und stand hoch über der gesamten Menschheit.
(Seite 62)
Zitat 3:
Einer Dame von Welt oder der
Mutter eines achtjährigen Sohnes glich Anna überhaupt nicht, eher einem
zwanzigjährigen Mädchen dank der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer
Frische und der auf ihrem Gesicht stets zu findenden Lebhaftigkeit, die bald im
Lächeln, bald im Blick aufbrechen wollte, wäre nicht der ernste, manchmal
traurige Ausdruck ihrer Augen gewesen, der Kitty verwunderte und anzog. Kitty
spürte, dass Anna vollkommen schlicht war und nichts verbarg, aber dass sie
eine andere, höhere Welt in sich trug, komplizierte und poetische Interessen,
zu denen Kitty keinen Zugang hatte.
(Seite 113)
ISBN 978-3-446-23409-3
Hanser, 2009 (c.1878)
1.286 Seiten (inkl. Anhang und Nachwort)